So entscheiden wir, wie und wo wir unsere Bäume pflanzen

Ecosia hat sich das große Ziel gesetzt, bis 2020 1 Milliarde Bäume zu pflanzen. Dabei legen wir ganz besonderen Wert auf zwei Dinge: Die neuen Bäume sollen so effizient wie möglich gepflanzt werden und ihr Nutzen für Natur und Mensch so groß wie möglich sein.

 

Das führt uns zu drei grundlegenden Fragen:

i. Warum Bäume?

ii. Wo sollen die Bäume gepflanzt werden?

iii. Wie werden die Bäume gepflanzt? Die Frage nach dem „Warum“ haben wir bereits in in diesem kurzen Artikel beantwortet. Die Frage, „wo“ und „wie“ wir durch den effizienten Anbau neuer Bäume der Natur und den Menschen helfen wollen, möchten wir mit diesem Artikel klären. Der Artikel besteht daher aus zwei Teilen. Der erste Teil beschreibt die Auswahl der Standorte unserer Aufforstungsprojekte. Der zweite Teil widmet sich der Frage der Anbaumethoden, wobei sich das „wie“ im Wesentlichen auf die Anforderungen bezieht, die wir an ein gutes Baumpflanzprojekt stellen.

 

Wo wir unsere Bäume pflanzen

 

Stell dir vor, du hättest eine Milliarde Bäume zu vergeben und müsstest nun entscheiden, wo diese Bäume sowohl der Natur als auch den Menschen am meisten nützen könnten. Wo würdest du die Bäume pflanzen? Vermutlich dort, wo sie am dringendsten benötigt werden. (Dabei spielt es natürlich eine große Rolle, „wie” die Bäume konkret genutzt werden, aber darum geht es vor allem im zweiten Teil.) Aber wo ist das? Im folgenden Abschnitt erfährst du, von welchem Kompass wir uns bei der Suche nach den bedürftigsten Menschen und Regionen leiten lassen.

1. Nutzen für die Natur

Ecosia unterstützt Projekte in den 35 am stärksten bedrohten Waldökosystemen.

Wo werden Bäume in der Natur am dringendsten benötigt? Einfach gesagt: überall dort, wo der Mensch Bäume abholzt, ohne ihren Bestand zu sanieren oder aufzuforsten.

Das wäre ein guter Ausgangspunkt, denn wir möchten nur dort Bäume pflanzen, wo zuvor bereits Bäume gestanden haben (mehr dazu im Teil zur Frage „Wie”). Unsere Frage, wo die Bäume in der Natur am dringendsten benötigt werden, geht allerdings noch einen Schritt weiter. Denn wir wollen wissen, nach welchen Kriterien wir einem potenziellen Anbaugebiet und Projektstandort den Vorzug gegenüber einem anderen geben können.

Der Wissenschaftler Norman Myers hat sich dieselbe Frage gestellt und eine Liste sogenannter Hotspots der Biodiversität ermittelt. Diese Hochburgen der Artenvielfalt sind Orte mit einer besonders hohen Konzentration weltweit einzigartiger und meist gefährdeter Spezies. Gleichzeitig konzentrieren sich all diese Gebiete zusammengenommen auf lediglich 2,3% der globalen Landfläche, wobei ihre meist länderübergreifende Lage oft als wirtschaftlich lukrativ gilt und damit äußerst begehrt ist. Jeder einzelne Biodiversitäts-Hotspot wird in seiner Existenz bedroht und hat bereits mindestens 70% seines ursprünglichen Habitats verloren.

Um als ein solcher Hotspot eingestuft zu werden, muss eine Region die folgenden Kriterien erfüllen:

■ Sie verfügt über mindestens 1.500 endemische Arten von Gefäßpflanzen (>0,5% des weltweiten Bestands)

■ Sie hat bereits mindestens 70% ihrer ursprünglichen natürlichen Vegetation verloren

Nach dieser Definition gibt es weltweit aktuell 35 solcher Hotspots. Ecosia hat beschlossen, diesem Ansatz zu folgen und sich bei der Auswahl seiner Projektstandorte auf diese 35 Biodiversitäts-Hotspots zu konzentrieren. Diese Strategie erlaubt es uns, unsere Spenden so effizient wie möglich in die Natur zu investieren. Dieser Entscheidungskompass ist unsere größte Chance, einen sinnvollen Beitrag zum Erhalt der außergewöhnlichen Natur unseres Planeten zu leisten.

 

2. Nutzen für die Menschen

Ecosia unterstützt wirtschaftlich schwache kleinbäuerliche Gemeinden

Wie bereits im Artikel „Warum pflanzt ihr ausgerechnet Bäume…?“ beschrieben, haben Bäume Superkräfte, die unfassbare Vorteile für das Leben der Kleinbauern und Gemeinden in ihrer Umgebung bringen können. Bäume verhindern die Erosion trockener Böden, stabilisieren das Mikroklima für andere Feldfrüchte und Nutzpflanzen und geben entscheidende Impulse für die Wiederbelebung der Wasserkreisläufe oder die Erschließung neuer Einnahmequellen.

In den ärmeren kleinbäuerlichen Regionen des Planeten haben die Menschen und Gemeinden allerdings weder die Mittel noch das nötige Fachwissen für eine größer angelegte Aufforstung oder Sanierung der örtlichen Baumbestände. Dazu kommt, dass Privatinvestoren wenig Anreize für ein Engagement in diesen Regionen sehen, die (zumindest in den ersten 3 Jahren) so gut wie keine Aussicht auf Kapitalrendite bieten. Der Zugang zu öffentlichen Geldern wie ODA-Zuschüssen ist zu kompliziert aufgrund der hohen administrativen Hürden, langen und unsicheren Zeitplanungen oder der Diskrepanz zwischen verfügbaren und tatsächlich benötigten Mitteln. Wir finden daher, dass unsere Spenden von diesen Menschen am dringendsten benötigt werden.

Ein weiterer Faktor bei der Bestimmung der Armut und Bedürftigkeit einer Region ist das BIP des jeweiligen Staates im weltweiten Vergleich. Bei alledem sind das BIP des jeweiligen Landes und der Status des Biodiversitäts-Hotspots aber keine Ausschlusskriterien, sondern lediglich richtungsweisend. Ecosia behält sich die Freiheit vor, auch Projekte zu unterstützen, die keines dieser beiden Kriterien erfüllen und uns trotzdem sinnvoll und unterstützenswert erscheinen.

3. Wie wir unsere Bäume pflanzen

Sobald wir uns sicher sind, dass wir unsere Bäume in einer Region pflanzen werden, in der die Natur und/oder die Menschen von der Wiederaufforstung profitieren, stellen wir uns die nächste Frage: Wie pflanzen wir die Bäume so, dass das Projekt möglichst nachhaltigen Nutzen bringt? Wie können wir sicherstellen, dass sich das neue Waldökosystem wirklich erfolgreich entwickelt? Wissen wir mit Sicherheit, dass auch die Gemeinden vor Ort von dem Nutzten der Aufforstung überzeugt sind?

In diesem Abschnitt beschreiben wir, wie wir diese Fragen beantworten. Er ist weiter unterteilt in Absätze zu optimalen Aufforstungsmethoden sowie dem Nutzen für Mensch und Natur. Er reflektiert außerdem unsere Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit der Projekte und andere Faktoren wie die Rolle unserer Partner und Transparenz. All das fügt sich zu einer Vision, aus der wir den Kriterienkatalog ableiten, mit dem wir neue und bestehende Projekte evaluieren.

3.1. Nutzen für die Natur

Ein Baumpflanzprojekt nutzt der Natur dann, wenn es zerstörte Baumbestände wiederherstellt, natürliche Vorgänge berücksichtigt und Teil einer größeren Vision ist.

a. Nur da, wo bereits früher Bäume standen

Ecosia möchte seine Bäume dort pflanzen, wo bereits in der Vergangenheit Bäume wuchsen (bevorzugt als Wälder, es können aber auch vergleichsweise dünn besiedelte Baumsavannen sein).

Dafür gibt es zwei Gründe:

Erstens wollen wir nichts Unnatürliches machen, da der Mensch den Planeten schon genug zu seinem privaten Ziergarten gemacht hat und wir auf seine wirklichen Bedürfnisse achten möchten.

Zweitens bietet eine Gegend mit früherem natürlichen Baumbestand offensichtlich optimale Voraussetzungen dafür, dass Bäume hier tatsächlich gedeihen. Und das ist natürlich praktisch, wenn man möchte, dass seine Bäume eine Chance aufs Überleben haben.

b. Einheimische Baumarten und natürliche Prozesse

Aus mitunter genau diesen Gründen arbeiten wir vor Ort auch mit einheimischen Baumarten. Wir möchten den natürlichen Baumbestand wiederherstellen und nicht nur des Pflanzens willen pflanzen. Ausnahmen von dieser Regel können unter Umständen gemacht werden, wenn exotische Arten z.B. Früchte tragen, die für die Menschen vor Ort wichtig geworden sind oder besser für die klimatischen Bedingungen gewappnet sind.

Wenn diese exotischen Gewächse nicht invasiv sind, sind wir in Einzelfällen bereit, ihre Samen bis zu einem Anteil von maximal 10% in den einheimischen Mix aufzunehmen. In jeder sich entwickelnden natürlichen Umgebung gibt es eine bestimmte Abfolge von Arten, die kommen und gehen. Die ersten auf dem unbewachsenem Land gepflanzten Bäume ebnen den Weg für alle folgenden Spezies, indem sie Stickstoff binden oder Wasser speichern. Dies lockt wieder Tiere an, die von und mit diesen Bäumen leben können.

Beim Wiederaufbau eines ehemals intakten Ökosystems ist es nur sinnvoll, sich an der natürlichen Abfolge von Arten zu orientieren – schließlich ist diese erwiesenermaßen die effizienteste Art, am Ende einen überlebensfähigen Wald zu erhalten. Lassen wir also die Natur ihre Arbeit machen. Sie weiß, was sie tut.

c. Integrativer Landschaftsansatz

Das Wissen darüber, welche Funktionen Bäume in ihrer natürlichen Umgebung erfüllen, wächst stetig und schnell. In einem sogenannten integrativen Landschaftsansatz werden alle Funktionen und Akteure in einer Landschaft (also auch die Bäume) zu einer weiter gefassten Vision von Landschaft in der Beziehung zum Mensch zusammengeführt. Dazu gehören z.B. Vorgänge wie der Bau von Waldkorridoren, das Speichern und Auffangen von Wasser oder der positive Einfluss auf das örtliche Mikroklima. Ecosia möchte, dass die von uns unterstützte Aufforstung Teil eines solchen integrativen Ansatzes ist.

3.2. Nutzen für die Menschen

Aufforstung nutzt den Menschen dann, wenn sie auch langfristig besser mit Bäumen leben als ohne und selbst vom Vorteil der Baumpflanzprojekte überzeugt sind.

a. Nutzen der Bäume für die Menschen

Je nach geografischer Lage haben Bäume und Wälder viele verschiedene Funktionen, von denen der Mensch profitieren kann. Wir möchten stets genau wissen, welche Vorteile das bei unseren Projekten sein können.

Sorgen die irgendwann ausgewachsenen Bäume für Schatten, Früchte, Windschutz oder eine Wiederbelebung des Wasserkreislaufs? Oder mit anderen Worten: Bringen die neu entstehenden Waldflächen den Gemeinden vor Ort nachhaltige wirtschaftliche Vorteile? Und wie kann ein nachhaltiger Baumbestand gegen die Bedrohung einer erneuten Abholzung sichergestellt werden, wenn die Menschen im Wesentlichen den Baum selbst für die Nutzung als Feuer- und Bauholz brauchen?

Die Bäume haben nur dann eine wirkliche Überlebenschance, wenn den Menschen am und um den Projektstandort die Vorteile der Bäume bewusst sind. Allein das kann der wesentliche Unterschied zur vorherigen Situation sein, in der die Bäume verschwanden. Wir möchten verstehen, wie genau es zur Entwaldung kommen konnte und warum die Projektverantwortlichen glauben, dass sich das nicht wiederholt. Kennen die Menschen die Vorteile der Bäume und verhalten sie sich entsprechend?

Das ist leichter gesagt als herausgefunden, denn Bäume haben die universelle Eigenschaft, dass man sie erst dann vermisst, wenn sie nicht mehr da sind. Oder denkst du jedes mal über das Leben der Bäume nach, wenn du im Schatten sitzt, frische Luft atmest oder Wasser trinkst?

b. Das Einverständnis der Einheimischen

Dies sollte im Grunde der erste Punkt sein, denn bei Ecosia steht die Autonomie der Menschen immer an erster Stelle. Die Vorteile mögen noch so offensichtlich sein – wenn die Menschen vor Ort nicht mit einem geplanten Projekt einverstanden sind, steht es unter keinen Umständen zur Debatte, dass es gegen ihren Willen durchgesetzt wird.

Natürlich ist es ein Stück weit normal, dass es innerhalb der Gemeinden unterschiedliche Ansichten gibt. In so einem Fall versuchen alle Beteiligten, mit gesundem Menschenverstand und einer offenen Haltung herauszufinden, wie wir gemeinsam das Beste für die Region erreichen können. Dabei spielen auch die Rollen der Frauen und Kinder eine ganz besondere Rolle.

c. Die Finanzen und der Business Case

Treibende Kraft hinter Ecosias Geschäftsmodell ist das Ziel, mindestens 80% der monatlichen Gewinne an Baumpflanzprojekte zu „spenden“. Warum setzen wir „spenden“ in Anführungszeichen? Weil wir streng genommen für die Dienstleistung eines jeden gepflanzten Baumes bezahlen. Durch unsere Berichterstattung vom Nutzen der unterstützten Aufforstungsprojekte hoffen wir, noch mehr Menschen zur Verwendung von Ecosia bewegen zu können.

Einer der schönsten Aspekte dieses Modells ist, dass unsere „Kapitalrendite“ nicht von den unterstützten Baumpflanzprojekten selbst kommen muss. So können wir Programme unterstützen, die traditionellen Öko-Investoren vermutlich zu innovativ wären, und wirklich zukunftsweisende Aufforstungskonzepte fördern.

Nachteil ist, dass unsere finanzielle Unterstützung in letztlich perspektivlosen Projekten versickern könnte. Daher setzen wir voraus, dass die von uns unterstützten Programme ein wirkliches Geschäftsszenario – einen sogenannten Business Case – für die Menschen vor Ort und rund um das Projekt herum entwickeln (siehe den vorherigen Punkt). Das sind dann oft neue und bislang unerprobte Geschäftsmodelle (wir lieben das!), die mehr Werte und Gewinne als die reine „Kapitalrendite“ im Blick haben.

Am Ende muss trotzdem jede Variabel in der Gleichung stimmen. Wenn wir es dann schaffen, solch umweltfreundlichen Projekten auf die Beine zu helfen, planen wir eventuell kleinere Rückflüsse ein, um in die Planung weiterer Baumpflanzprojekte zu reinvestieren. Dieser Schritt wird aber selbstverständlich vor Projektbeginn mit allen Beteiligten besprochen. 

3.3. Best Practices: Der optimale Weg zur Aufforstung

Manchmal ist es am besten, keine Bäume zu pflanzen.

a. Das Pflanzen von Bäumen

Wer tatsächlich bis hierher gelesen hat, erlebt womöglich ganz am Ende noch einen Schock: Neue Bäume zu pflanzen ist nicht zwangsweise der beste Weg, um einen Wald aufzuforsten.

Die Setzlinge für komplett neue Bäume stammen aus Baumschulen, in denen sie unter idealen Bedingungen gesät und gezogen werden. Wenn man sie dann in die unbewachsenen Böden einpflanzt, müssen sie abrupt in der rauen Welt da draußen zurechtkommen. Kein Wunder, dass dabei viele Jungbäume zugrunde gehen.

Tatsächlich gibt es Alternativen, die oft günstiger und effizienter sind, wie zum Beispiel die neue Aussaat oder die Wiederaufforstungstechnik der Farmer Managed Natural Regeneration (FMNR), bei der die keimenden Sprossen vorhandener Baumstümpfe oder Wurzeln durch Ausschneiden beim Wachsen unterstützt werden. Ecosia hält also nicht krampfhaft am Bäumepflanzen fest, sondern sucht immer nach der besten Lösung für das jeweilige Szenario.

3.4. Sonstiges

a. Direkte Beziehung zu unseren Partnern vor Ort

Wir möchten die Beziehung zu den für die Aufforstung vor Ort verantwortlichen Partnern so unmittelbar gestalten, wie vernünftigerweise und praktischerweise möglich ist. So können wir unnötigen Mehraufwand vermeiden und die Arbeits- und Kommunikationswege möglichst kurz und effizient halten.

b. Transparenz

Ecosia verpflichtet selbst zu voller Transparenz im Bezug auf sein Engagement für die Aufforstung der Wälder, und hat denselben Anspruch an seine Projektpartner.

Das Pflanzen von Bäumen ist ein komplexes Unterfangen, bei dem Faktoren wie Mensch, Natur und Zeit zusammenkommen. Wir können daher manchmal nicht vermeiden, dass etwas nicht nach Plan verläuft, aber wir werden komplett ehrlich und transparent damit umgehen.

Das betrifft auch unsere Finanzen. Wir wollen unseren Partnern faire Preise zahlen, aber im Gegenzug erwarten wir auch von ihnen, dass sie ihre unterschiedlichen Kostenfaktoren offen und nachvollziehbar darlegen.

c. Konflikte und Kompromisse

Sollte es an irgendeinem Punkt zu Interessenkonflikten oder Problemen bei der Durchsetzung unserer Kriterien kommen, werden wir nach bestem Gewissen und in gründlicher Absprache mit unseren Partnern entscheiden, wie wir damit umgehen.

d. Leadership und gegenseitiges Lernen

Ecosia glaubt daran, dass das Pflanzen von Bäumen das Leben von Natur und Mensch bereichern kann. Wir wissen aber auch, dass noch viel passieren muss, wenn dieser positive Effekt so groß und nachhaltig wie möglich sein soll.

Darum müssen sich verschiedene Aufforstungsprojekte untereinander über funktionierende und gescheiterte Maßnahmen austauschen und noch viel mehr Unternehmen dazu inspiriert werden, Baumpflanzprojekte mit diesem oder vergleichbaren Konzepten zu finanzieren. Ecosia sieht sich selbst als Vorreiter und Multiplikator, der andere wirtschaftliche Akteure inspirieren und solche Prozesse vorantrieben kann.

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